Anna von Cleve: “Blitz-Treffen” mit Folgen

Anna von Cleve: “Blitz-Treffen” mit Folgen

SERIE
Von Roland Norget

“Blitz-Treffen” mit Folgen

Als Heinrich VIII seine Braut zum ersten Mal sah, soll er „not amused“ gewesen sein. Für Anna von Cleve, der künftigen Königin von England, begann damit ein Schreckensjahr.

Greenwich/England Sonntag, 4. Januar 1540. Der Bräutigam scheint zu kneifen. Kurzerhand hat Heinrich die für heute geplante Trauung vertagt. Lähmung hat alle im frisch renovierten Königspalast Greenwich gepackt. Anna hat sich zurückgezogen. Sie ist konsterniert! Mutterseelenallein, gedankenversunken steht sie am Fenster in ihrem ‘Queen’s Apartment’ und starrt auf die Themse. Wie soll es jetzt nur weitergehen?

Am „St. John’s Day“ (27. Dezember) hatte High Admiral „Southampton“ in aller Herrgottsfrühe das Kommando zum Einschiffen gegeben. Für etwa 50 Schiffe hieß es: „Klar Schiff zum Aufbruch“! Petrus hatte am Tag zuvor, dem „Boxing Day“, ein Einsehen mit der Braut, und der Himmel war aufgeklart.

Anna segelte mit ihrer Damendelegation auf dem königlichen Flaggschiff „The Lion“, und die Herrenriege wurde auf die königliche Yacht „Sweepstake“ verfrachtet.

Im Hafen vom brandneuen Fort Deal Castle waren alle Schiffe am Abend des 27. Dezember zwischen 18 und 19 Uhr wohlbehalten gelandet. Anna wurde von Sir Thomas Cheyne, Lord Warden der „Cinque Ports“, freundlich begrüßt.

Der Beginn eines Schreckenjahres

Zur Begrüßung im Namen des Königs waren der Herzog und die Herzogin von Suffolk, Charles Brandon und Katherine Willoughby, angereist, die sich um das leibliche Wohl der Gäste kümmerten. Charles und Heinrich waren engste Freunde. Und zwischen Anna und Katherine sollte sich eine lebenslange Freundschaft entwickeln.

Von Deal ging es über Dover am Montag nach Canterbury. Ab hier wurde Anna von Heinrichs Erzbischof Thomas Cranmer zum „St. Augustine Priory“ begleitet, wo ein Empfang seitens der Bischöfe stattfand. Cranmer sollte in wenigen Tagen ihre Trauung im Königspalast Greenwich vornehmen.

Über Sittingbourne erreichte Annas Delegation mit etwa zwei Dutzend Hochzeitsgästen an Silvester den Bischofspalast von Rochester, wo sich das unvorhergesehene, schicksalhafte Treffen tags drauf an Neujahr ereignen sollte, von dem niemand etwas ahnte.

Ein „Blitztreffen“ (Speed-Dating) läutete Annas Schreckensjahr als Königin von England ein. Der Bräutigam wollte seine Braut überraschen und hatte wertvollste Geschenke dabei, u. a. einen gegen die Kälte praktischen Zobelpelz.

Der König und seine fünf Begleiter, darunter Stallmeister Sir Anthony Browne, seien als schmuddelige „Ritter“ mit Kapuzenmänteln „verkleidet“ erschienen. Nach ihrem 30 Meilen-Ritt aus Greenwich sollen sie inkognito schnurstracks den gut gefüllten Saal betreten haben. Das Neujahrsfest sei in vollem Gange gewesen.

Anna habe am Fenster dem beliebten „bear-bullbaiting“, der Bärenhatz, zugeschaut und die finsteren Kapuzenmänner ignoriert. Heinrich habe sich nicht beherrschen können und mir nichts, dir nichts die völlig verdutzte Anna an seine massige Gestalt gedrückt und geküsst.

Reflexartig habe Anna den dreisten Kerl von sich geschubst. Keiner habe den ungehobelten Klotz erkannt, der vergrätzt kehrt gemacht habe. Anna musste erstmal beruhigt werden. Der Unhold entpuppte sich kurz darauf zum Erstaunen aller als seine Majestät höchstpersönlich.

Nach einer Weile sei der König nämlich geschniegelt und gestriegelt in violettem Samt aufgetaucht. „Küss die Hand, Gnädigste!“ Anna habe sich voller Scham vor ihm niedergekniet. Der König habe seine Braut galant hochgezogen, plaudernd mit ihr den Saal gewechselt und zum „Supper“ geladen. Danach sei er mit seinen Männern im Dunkeln auf und davon geritten.

So soll sich dieses „Blitztreffen“ nach authentischen Augenzeugenberichten in etwa abgespielt haben. Aber das war nicht das eigentliche Desaster, sondern was danach passierte. „I like her not!“ soll Heinrich seinem Stallmeister zugeraunt haben. Sein „Urteil“ machte sofort die Runde!

Der berühmte erste Moment wurde zum Fanal – letztlich für beide!

Der Punkt ist simpel: Anna ist nicht Heinrichs Typ! Nicht mehr und nicht weniger. Aus und vorbei? Keineswegs, denn nun ging das unwürdige Schauspiel erst richtig los.

Wie nur den Kopf aus der ehelichen Vertragsschlinge ziehen, lautete Heinrichs Frage an seine Hofjuristen, denen in den nächsten Tagen die Köpfe qualmten.

Fazit: Die Braut sei keine Umtauschware. Anna einfach nach Hause zu schicken, würde einen Skandal heraufbeschwören. Beide würden allseits zum Gespött — und für England käme es einer Blamage gleich! Was tun?

Und was ist mit der Verlobung?

Beide gingen klugerweise zur Tagesordnung über, das heißt: Annas Reise setzte sich über Dartford, Blackheath nach Shooter’s Hill nahe Greenwich fort. Hier fand ein grandioses Fest zu Ehren der neuen Königin in einer Zeltstadt statt. Alles was Rang und Namen im Königreich hat, war versammelt. Der König, die Peers des Landes – darunter Herzöge und Grafen –, Jubilare, Ritter, Esquires und Annas 130-köpfiger Hofstaat bereiteten ihrer neuen Königin einen glanzvollen Empfang.

Völlig erschöpft erreichte Anna am 3. Januar ihren Zielort Palace of Placentia Greenwich, das Geburtshaus ihres Bräutigams, ihren Trauort und ihr neues Domizil als Königin von England.

Heute ist Sonntag, es sollte Annas lang ersehnter Hochzeitstag werden. Aber nichts passiert! Anna ist hochgradig beunruhigt, so dass sie nach Susanna und Olisleger ruft. Dr. jur. Heinrich Bars genannt Olisleger ist Annas rechte Hand. Als Annas Prokurator hatte Olisleger ihren Heiratsvertrag ausgehandelt.

Anna fragt, was los sei. Olisleger will Anna nichts vormachen und rückt zu ihrer Verblüffung mit einer Altlast heraus: Annas Verlobungskontrakt von 1527 mit Franz von Lothringen. Der sei doch 1535 aufgelöst worden, entgegnet Anna.

Richtig, aber Heinrichs Hofjuristen wollen das Auflösungsdokument schwarz auf weiß sehen. Ja, und? Wir haben kein Dokument dabei..!

 

Quelle: NRZ, Roland Norget, 04.01.2020

 

In der Serie erschienen bisher:

Anne von Cleve: Freudensalut für die neue Königin

Anne von Cleve: Die Brautreise

Anna von Cleve: “Blitz-Treffen” mit Folgen