Anne von Cleve: Freudensalut für die neue Königin

Anne von Cleve: Freudensalut für die neue Königin

SERIE
Von Roland Norget
Heute: Hals über Kopf ins Eheabenteuer mit Heinrich VIII.

Freudensalut für die neue Königin

23. November 1539. Ganz England freut sich auf Anna von Cleve. Die niederrheinische Prinzessin wird bald First Lady sein an der Seite Heinrich VIII. – Das jedenfalls ist der Plan. Dafür hat sie sogar gelernt, Karten zu spielen

Wir schreiben den 23. Novem­ber 1539 – heute vor 480 Jahren. Im Stadtschloss Düsseldorf, der Haupt­residenz der Vereinigten Herzogtü­mer von Cleve, Jülich-Berg und Gel­dern, erhallen ein paar Salven Freu­densalut. Der Startschuss zur Braut­reise der hiesigen Prinzessin “Anna von Cleve” nach London in ihr wag­halsiges Eheabenteuer mit dem be­rüchtigten „Ladykiller“ König Hein­rich VIII. ist gefallen.

Das Burgfräulein Anna – pardon, Prinzessin “Anna von Cleve”, die zukünftige Königin von England – schaut erwartungsfroh aus dem Fenster ihrer Kemenate auf “Schloss Burg an der Wupper” ins Tal. Sie ist gehörig aufgeregt. Ihre Entourage aus Düsseldorf wird bald eintreffen. Die standesgemäße Brautkutsche kommt aus Torgau. Damals, vor mehr als zwölf Jahren, ist ihre ältere Schwester Sibylle als zukünftige Kurfürstin von Sachsen damit hier auch abgeholt worden.

Jungherzog Wilhelm, der zukünf­tig wegen seiner Erbschaft der Herzogtümer und Grafschaften “der Rei­che” genannt werden will, gönnt sei­ner Schwester keine eigene Kutsche, so dass ihr geschätzter Schwager Jo­hann Friedrich großzügig mit der sächsischen Kutsche aushilft. Mit Jo­hann Friedrich, einem der beiden einflussreichen Führer des lutheri­schen “Schmalkaldischen Bundes”, sympathisiert Heinrich.

Der gewiefte Thomas Cromwell – Erster Minister und Sekretär des Königs – hatte sich das zunutze ge­macht. Im Frühjahr waren unver­hofft seine Mittelsmänner am Her­zog- und Kurfürstenhof aufgetaucht, um gemeinsame politische Interes­sen in Verbindung mit einer mögli­chen Eheschließung auszuloten. Cromwell hat Anna ins Rampenlicht gerückt, alle Strippen der Eheanbah­nung gezogen und gilt letztlich als der “Dealmaker”.

Nachdem den englischen Gesand­ten zwei avisierte Porträtgemälde der Schwestern Anna und Amalia aus der Kölner Werkstatt von Bar­thel Bruyn nicht zugesagt hatten, wurde am 10. August aus London Meister Holbein entsandt.

Im “Wasserschloss Burgau” in Nie­derau hatte er beide Heiratskandidatinnen gemalt. Der König wählte Anna aus, und im September hatte sie ihrer Verheiratung im machtpoli­tischen Interesse ihres Vaterlandes zugestimmt. Anfang Oktober waren die Heiratsverträge von Juristen bei­der Hofkanzleien unterzeichnet worden. Mit 24 Jahren kommt Anna nun endlich unter die Haube.

“Haube”? Ein Understatement! Ihr steht die “Krone” des mächtigen und wohlhabenden Königreiches von England in Aussicht! Anna ist je­doch klar, dass sie schlecht gerüstet ist. Nichts hat sie lernen dürfen: kei­ne Fremdsprachen, kein Musikinst­rument! Damals hatte ihr kluger Va­ter den Rat des großen Erasmus be­folgt und den besten aller Lehrer des Landes für den Prinzen engagiert: Konrad Heresbach, Meisterschüler von Erasmus. Wenigstens etwas hu­manistische Grundbildung hat An­na mitbekommen.

Ladykiller Heinrich

Ihre strenge, gottesfürchtige Mutter verordnete Bibel studieren und Handarbeiten – das genüge! So hockte Anna Jahr um Jahr auf der Burg, wurde zum Mauerblümchen und schämte sich wegen ihres pocki­gen Gesichts. Und diese altmodi­schen Klamotten, die sie zu tragen hatte: mehr Aschenputtel als Cinderella!

Der Macho und “Ladykiller” Hein­rich ist Anna als “Womanizer” beschrieben worden: hochgebildet, musisch, sportlich-athletisch, charmant, charismatisch und eloquent. Abseits aller Klischees gilt der skru­pellose Souverän jedoch als ängst­lich, wenig selbstbewusst und wan­kelmütig. Seine glanzvollen Zeiten gehören lange der Vergangenheit an.

Heinrich’s verhängnisvoller Tur­nierunfall beim Lanzenstechen am 24. Januar 1536 setzt ihn einem schleichendem Siechtum aus: schweres Schädelhirntrauma, offe­nes Bein und das Schlimmste: seine schwächelnde Manneskraft. Frust und Schmerz haben Heinrich völlig unberechenbar werden lassen, ver­stärken nur noch seine gnadenlose, blutrünstige Tyrannei und sind in eine schier grenzenlose Fresssucht ausgeartet. Ihr zukünftiger Gatte zeigt sich Anna gegenüber jedoch überraschenderweise als äußerst fürsorglich. Mitte Oktober hat er Anna eine Mentorin auf Schloss Burg zu Seite gestellt: eine gewisse Lady Gylmyn (Gilman). Susanna Horenbout wie sie mit Geburtsnamen heißt, stammt aus Gent und spricht den in den Niederrheinlanden üblichen Dialekt. Susanna ist Mitte 30, ein großartige, von Albrecht Dürer 1521 entdeckte Miniaturkünstlerin, des Königs engste Vertraute und persönliche Gesandte.

Sitten und Gebräuche am Tudorhof

Susannas “Sonderauftrag” besteht darin, Anna mit Sprache, Sitten um Gebräuchen am Tudorhof vertraut zu machen. Jeden Tag hat Susanna mit Anna Englisch gepaukt und ihr des Königs Lieblingskartenspiel “Cent” (frz. “Piquet”) für zwei Spieler beigebracht. Karten spielen – das sollte so ziemlich die einzige Leidenschaft zu Zweit werden, die Heinrich und Anna zukünftig verbinden würde. Annas Mutter ist dennoch beunruhigt und um Annas Leib und Leben besorgt.

Meister Heresbach ist gebeten worden, kurzfristig nach London zu reisen, um eine Garantie ihres zu künftigen Schwiegersohnes einzuholen: Anna dürfe kein Haar gekrümmt werden! Kurz vor Annas Abreise hat Heresbach am 21. November das Anliegen mit dem König in seinem Lieblingsschloss “Hampton Court Palace” in Surrey besprochen. Gegen alle Absprachen hat sich Heresbach vorgenommen, Anna unterwegs auf ihrer Brautreise zu treffen und persönlich zu informieren.

In England herrscht Anna-Fever

In England herrscht derweil “Anna- Fever” – endlich wieder eine Königin! Das jahrelange Warten hat ein Ende. Die Bewerbungsschreiben aus Familien des Hochadels für die etwa 130 Stellen in Annas Hofstaat sta­peln sich im Tudorhof. Anna kommt raus aus dem “Goldenen Käfig”, aus dem Mief des trostlosen Burglebens, weg von Nadel & Faden, von Häkeln & Stricken – mal Pause von der Bibel machen!

Wie sich das wohl anfühlen werde mit einem Mann, den sie zudem gar nicht kennt? Sie nimmt das Leben wie es kommt, sagt sich Anna, und vertraut ihrem Lebensmotto “A bon Fine”, alles werde gut enden. Möge aus der “Krone” nur keine “Dornen­krone” werden! Nun geht’s Hals über Kopf rein ins turbulente Le­bens- und Eheabenteuer!

Fortsetzung folgt

Eine kleine Literatur-Auswahl

Auswahl von Primärquel­len und Sekundärliteratur:

CAMPBELL Lorne/FOISTER, Susan 1986: Gerard, Lucas and Susanna Horenbout, in: The Burling­ton Magazine. Special Issue Devoted to British Art from 1500 to the Present Day, 128 (1986) 10, pp 719-727.

CRECELIUS, Wilhelm 1887: Tagebuch Konrads Heresbach aus den Jahren 1537-1544, in: Zeit­schrift des Bergischen Ge­schichtsvereins (ZBGV), Band 23, Beilage. A., S. 57-83.

DOLMAN, Brett et al. 2009: Henry VIII, 500 Facts. published
by Historie Royal Palaces, Hampton Court Palace Surrey, London.

LIPSCOMB, Susannah 2009: 1536. The year that changed Henry VIII, Oxford;

MacCULLOCH, Diarmaid 2019: Thomas Cromwell. A Life, London.

Das Buch-Cover zeigt:
Anna von Cleve, ca. 1539, unbe­kannter Künstler, Werkstatt von Bartholomäus Bruyn d. Ä. (Wesel c.1493-1555 Köln) zugeschrie­ben, Öl auf Pergament, mit freundlicher Genehmigung von @Sign. 1954. 1923 “The Rosenbach”, Philadelphia, PA, U. S. A.

 

Quelle: NRZ, Roland Norget, 23.11.2019