Klever Justitia aus dem 19. Jahrhundert

Klever Justitia aus dem 19. Jahrhundert

Bild: Die Klever Justitia am Haupteingang des 2013 abgerissenen Rathauses.

Das neue Heft „Rund um den Schwanenturm“ ist eine Doppelausgabe: Für die Jahre 2019 und 2020 als Schrift des Klevischen Vereins.

Sie galt den Römern als Göttin der Gerechtigkeit, die Justitia. Die Göttin im antiken Gewand sollte bald als Symbol für die Gerechtigkeit und Unparteilichkeit ab dem 16. Jahrhundert auch die Rathäuser zieren – oft im barocken Gewand, meist als Relief. Auch das alte Klever Rathaus auf der Hagschen Straße war von einer Justitia gekrönt. Doch im neuen Rathaus der Stadt Kleve war die Dame wohl erst einmal nicht so willkommen. Aus statischen Gründen habe man das Relief nicht in das neue Gebäude integrieren können, hieß es in einer der Diskussionen um die Göttin mit Waagschale und Schwert. Vielleicht hatte man sie auch einfach vergessen – bis Restaurator Clemens Giesen sie immer wieder in die Diskussion brachte. Als Teil der Geschichte der Stadt. Jetzt klärt Stadtarchivar Bert Thissen die Herkunft der Dame, die manche sogar schon im Barock vermutet hatten. In einem zentralen Aufsatz im neuen „Rund um den Schwanenturm“, der Schrift des Klevischen Vereins für Kultur und Geschichte, klärt Thissen umfassend über den Werdegang der Klever Justitia auf.

Er fand heraus, wer sie schuf, wer sie bestellte und vor allem, dass sie viel jünger ist, als manchen dachten. Es ist ein schweres Steinrelief mit einer lebensgroßen Justitia, die die Waagschale ebenso hält wie das Schwert und wie eine barocke Figur gestaltet ist. Sie zierte als Relief hoch oben im Giebel das Rathaus der Stadt in der Großen Straße, in der später das Burgtheater residierte und heute H&M ist. Da war sie, so Thissen, bis 1929, als man den Bau aufgab. Seit 1957 begrüßte sie Besucher am Haupteingang des damals neuen Rathauses im alten Krankenhaus. Die gute Frau ist ein Produkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts, im Historismus zuhause. In den Unterlagen zur Ausgestaltung des Rathauses findet sich eine Akte zum Relief, die auf den damaligen Bürgermeister Reiner Corneli und den Kölner Bildhauer Friedrich Custodis verweist. Im September 1879 ist Justitia dann in den Giebel des Rathauses gekommen. Heute steht sie im gläsernen Gang zwischen „Brunnenhaus“ und Rathaus. Es ist wieder viel Klever Geschichte zu finden im neuen Band des Klevischen Vereins für Kultur und Geschichte, der jetzt als Doppelausgabe für die beiden Jahre 2019/20 erschienen ist.

Deshalb passt der wunderbare Blick, den Historiker Julian Krause in die Zeitung von 1919 (Klevischer Volksfreund) 100 Jahre zurück geworfen hat. Er offenbart viel von dem Zuständen in der Stadt unmittelbare nach dem Ersten Weltkrieg. Und er zeigt, wieviel Geschichte kleine, scheinbar unscheinbare Anzeigen offenbaren, wie die des armen Kriegsversehrten, der eine Anstellung sucht. Krause zeigte auch auf, dass eine Konstante der letzten 100 Jahre die Volkshochschule Kleve gewesen ist – die damals Lehrgänge für Hausfrauen anbot oder „Das deutsche Lied“ (mit Erläuterung am Flügel) im Programm hatte. Helga Ullrich-Scheyda wiederum fasst ihren spannenden Vortrag über den Bahnhof in nationalsozialistischer Zeit schriftlich zusammen. Ein wichtiges Dokument auch über die Flucht Bürger jüdischen Glauben über die Grenze ins vielleicht rettende Ausland. Darunter auch Kinder, die so der Ermordung entkamen – oder aber gefasst wurden. Eines der Bilder in Ullrich-Scheydas Beitrag zeigt die zerstörten Gleisanlagen vor dem Bahnhofsgebäude nach den schweren Bombenangriffen 1945. Schutz sollten die Bürger dagegen in einem unterirdischen Stollensystem finden. Wie das Stollensystem geplant war, das als Luftschutz-Bunker gelten sollte, erklärt Thissen in einem weiteren Beitrag.

Der Bahnhof als vorzeigbares Ziel aus Klever Bad-Zeit wiederum ziert das Titelblatt des Heftes, eine schöne kolorierte Postkarte, die auch die Treppenanlage des Bahnhofes offenbart, von der Clemens Giesen der Politik berichtete, bevor das neue Pflaster des Bahnhofvorplatzes sie wieder bedeckte. Hier im Bahnhof hat auch der Verein sein neues Domizil. Schön, dass auch die von Giesen fotografierten Köpfe in den Fassaden der Klever Häuser im Heft eine Bleibe gefunden haben und Wiltrud Schnütgen nochmals einem breiten Publikum den Menschen vorstellt, der lange Jahre in Kleve wohnte und tatsächlich ein berühmter Botaniker war. Eigentlich war der Herr eine Art James Bond zur Rettung des Chinarindenbaums, aus dem sich Chinin zur Bekämpfung von Malaria herstellen ließ. Die Geschichte ist eine richtige Räuberpistole vom Agenten im niederländischen Dienst der im Geheimauftrag die Pflanze entführt, damit der Baum gerettet und auf Java angebaut erden konnte: Justus Karl Haßkarl (1811 bis 1894) lebte in Kleve am Markt Linde. Julian Krause wiederum blickt noch einmal zurück auf die Anfänge des Klever Grafenhauses und derer von Mark. Was nicht fehlen darf sind die Gedichte und Geschichten an die Heimat.

Vielleicht hätte man das eine oder andere Bild, wie das von der Schlacht von Worringen aus der wunderbaren Manasse-Handschrift gerne auch mal seitenfüllend gehabt – aber sonst ist „Rund um den Schwanenturm“ wieder ein lesenswertes Stück Klever Geschichte.


INFO

Das Heft im Handel

Das neue Heft Rund um den Schwanenturm ist als Heft 43, 38/39 Jahrgang 2020 erschienen und fast 100 Seiten stark. Abbildungen runden die vielen Texte ab. Die Redaktion hatte Wiltrud Schnütgen.

Kosten Das Heft des Klevischen Vereins für Kultur und Geschichte kostet 7,50 Euro und ist im Klever Buchhandel zu haben.

Quellen: Grenzland Post, Matthias Grass, 03.06.2020 (Text)

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