Eine sichtbare Erinnerung an Prinz Johann Moritz im ehemaligen Lustgarten

Festakt am Denkmaltag 2020
Sibille Spiegel, Luesberggesellschaft Aachen beim Steinmetz Schwartzenberg

Ausgerechnet die schöne Gartenkunst wählte Johann Moritz als Hoffnungszeichen für Kleve: die durch viele Kriege so sehr zerstörte neue brandenburgische Residenz, als er sich 1647 beim Bürgermeister Niessen vorstellte!

Heute: Die herausragende frühe unverwechselbare Gartenkunst mit Alleen, Sichtachsen und points de vue machte Kleve weit über die Landesgrenzen berühmt und gilt seit Jahrzehnten als einzigartige europäische Gartenkunst.

Wer einmal die beeindruckenden detailgenauen Radierungen von Romeyn de Hooghe (um 1685) vom ehem. Lustgarten Kleve bewusst angesehen hat, ist mehr als beeindruckt. Man bedauert die heute oft anzutreffende Geringschätzung der idealen Ausgewogenheit von Kultur, Natur und Kunst.

Seit 2008 informieren Bild- und Textinfos im heutigen Moritz-Park über die symbolträchtige, schmuckreiche barocke Ausstattung der Klever Residenz mit Schlossanlagen, Lustgarten und Orangerie.

Lustgärten waren traditionell dem König vorbehalten. Hier war es der kunstsinnige Johann Moritz von Nassau-Siegen selbst, der die barocke  Gartenkunst als Zeichen seines Anspruchs in Auftrag gab und auch bezahlte. Der im 17. Jahrhundert umfriedete Lustgarten mit Orangerie zeigt auch die unmittelbare Verbundenheit zum Haus Oranien-Nassau und die Präsens des Goldenen Zeitalters zwischen Den Haag und Kleve.

CAD-Zeichnung von Johannes Schubert, Dombaumeister Xanten

Im Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering – in Erinnerung an Karl Kisters als Ehrenbürger der Stadt Kleve – gibt es seit 2008 den Wunsch, wenigstens ein „aussagekräftiges Parkelement an diesen historischen Ort zurückzuholen“. Das 2017 bundesweit angesagte „europäische Kulturerbejahr“ bot die Chance mit vielen kleinen Schritten – mal vor und mal zurück.

Ein Originalpodest aus dem ehemaligen Lustgarten schmückt seit Jahrzehnten den Garten des B.C.Koekkoek-Hauses. Durch Kontaktaufnahme zu Dombaumeister Schubert in Xanten erhielt die bekannte Bauhütte Schwartzenberg in Aachen die notwendige CAD-Werkzeichnung. Vereinsmitglieder der Lousberggesellschaft Aachen waren begeistert von der präzisen Steinmetzarbeit für den ehemaligen Lustgarten in Kleve!

Wenige Tage vor der offiziellen Übergabe stellt Steinmetz Schwartzenberg den handwerklich so perfekt ausgearbeiteten „Belgisch Granit“- Sockel im Moritzpark auf und montiert die restaurierte kriegsbeschädigte Original-Gartenvase vor Ort. Die Verankerung der Vase auf dem tonnenschweren Podest und nötige Regenabflusslöcher gehören zur gelungenen Montage.

Die Original Eisengussvase stand kriegsgeschädigt und unbeachtet wohl seit Jahrzehnten im Keller des Koekkoekhauses. Nach offizieller Anfrage erhielt der Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering die Zusage für die Parkaufstellung. Starke Materialschäden der Eisengussvase sind auf den ersten Blick nicht erkennbar. Der Metallwerkstatt Korgel ist es gelungen, die zu 1/3 mit Beton verfüllte Vase zu reinigen, Risse in der Wandung zu verschweißen und Nähte zu verstärken. Das große Loch in der Vasenwand ist bewusst als Mahnung für Frieden gegen Krieg und Zerstörung sichtbar geblieben.

Der jetzige Standort „Gartenvase auf Steinsockel“ im Moritzpark entspricht historischen Vorgaben.

Die Darstellung der Pomona nahm als Göttin der Früchte im ehemaligen. reich ausgestatteten Barockgarten den Parkmittelpunkt ein (Siehe Infotafel 20). Entsprechend mit Äpfeln und Birnen (aus den Galleien) Efeuranken, weißen Rosen und Anemonen schmückte Gerlinde Semrau-Lensing vom Arbeitskreis Kermisdahl die geschichtsträchtige Gartenvase. Der Park hat wieder einen bedeutsamen Mittelpunkt bekommen. Symbolisch ist es auch eine Erinnerung an das Goldene Zeitalter in Kleve und an den Beginn einer lebenslangen Freundschaft zweier Persönlichkeiten des 17.Jahrhunderts: Der Kurfürst von Brandenburg und sein Statthalter in Kleve, Johann Moritz von Nassau-Siegen.


Wenige Tage nach der sehr guten Presse vom Event am 13.9.2020 erhielt der Klevische Verein die Postkartenansicht eines aufmerksamen Klevers: „Bepflanzte Gartenvase auf Steinsockel ca.1907“. Es gab also ein früheres Vorbild für unsere Aufstellung 2020. Eine erfreuliche Entdeckung!

Postkarte von 1907: Vase im Moritzpark

Der Festakt ist schon von Weitem durch das spärliche Parkgrün entlang der Nassauer Straße zu sehen: Geschmückte Gartenvase auf behauenem Natursteinsockel nach historischer Vorgabe unter alten Platanen im Prinz-Moritz-Park. Am Tag des internationalen offenen Denkmals – bei herrlichem Sonnenschein Festakt am 13.9.2020 um 15.00 Uhr im Moritzpark / ehem. Lustgarten Kleve

Begrüßung: Als Schirmherr des Alten Tiergartenparks begrüßt Hermann von Ameln, Honorarkonsul a.D., zahlreiche Gäste von nah und fern aus Bürgerschaft, Vereinen, Kirche, Politik, Handwerk und Gesellschaft, aus Nachbargemeinden und den benachbarten Niederlanden, der Euregio Rhein-Waal und den Verwaltungen, Mitglieder des Bundestages, den offiz. Vertreter der Deutschen Denkmalstiftung, von Geldinstituten, der örtlichen Presse, Ehrenbürger Wilhelm Diedenhofen, Beteiligte des Arbeitskreises Kermisdahl-Wetering und des Klevischen Vereins. Anlass des heutigen Festaktes ist der nach historischem Vorbild gearbeitete Steinsockel mit aufgesetzter historischer Vase als sichtbare Erinnerung an die großartigen Leistungen des Fürsten und deren Übergabe an die Klever. Hermann von Ameln betont, dass sich die Klever Bürger auch heute mit dem Prinzen Johann Moritz verbunden fühlen und die heimatliche Gartenkunst wertschätzen. Der Fürst wollte in einer schönen Umgebung leben und sich wohlfühlen. Er gestattete auch den Klever Bürgern – im 17. Jahrhundert eine absolute Ausnahme – die barocken Parkanlagen des Lustgartens mit Orangerie zu nutzen und sich daran zu erfreuen. Heute liegt die Macht bei uns Bürgern, auch wir wollen in einer schönen Umgebung leben und uns darin wohlfühlen. Die Bürger sind bereit, sich für den Erhalt und die Verschönerung der Klever Gartenanlagen zu engagieren“ – 75 Jahre nach Kriegsende sollte auch der Alte Tiergarten deutlich mehr Wertschätzung und Identität i.S. der historischen Gartenstadt Kleve erfahren. In Erinnerung an das Goldene Zeitalter und in Bezug zu unseren Nachbarn, dem Hause Oranien-Nassau.

Grußwort: Vize-Bürgermeister Joachim Schmidt übermittelt in seinem Grußwort die Freude der Klever Bürgerschaft über den eindrucksvollen Parkschmuck an den Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering mit seinem ehrenamtlichen Engagement. Sein Dank gilt den beteiligten Förderern, dem Steinbildhauer Christoph Schwartzenberg aus Aachen, dem Dombaumeister Johannes Schubert von der Dombauhütte Xanten sowie der Kunstschmiede Korgel. Die Zusammenarbeit dieser Gewerke ermöglichte die herausragende heute übergebene Parkausstattung.

Mit seinem Hinweis auf die Infotafeln im heutigen Prinz Moritz Park signalisiert Herr Schmidt zeitnahe Chancen zu mehr Klever Gartenlust mit Weiterentwicklung des historischen Parks. Der bekannte Landschaftsarchitekt und Autor des Parkpflegewerkes Achim Röthig hat mit den zuständigen Denkmalbehörden festgestellt: Kleve ist ein europäisches Gartengesamtkunstwerk! Der Alte Tiergartenpark und der Neue Tiergarten stehen in wertgleicher Rangstellung. Das sollte zur Freude und zum Nutzen von Bürgern und Besuchern zeitnah in der städtischen Parkanlage zu sehen sein!

Vortrag: Drs. Bert Thissen als Klever Stadtarchivar zitiert das Motto des Denkmaltages 2020: „Chance Denkmal, Erinnern, Erhalten, Neu denken“. Er erinnert daran, dass die Denkmalpflege lange Zeit von historisierenden Wiederherstellungen abgeneigt war. Aus diesem Grunde habe zum Beispiel der wiederhergestellte Marstall anfänglich keine Anerkennung als Baudenkmal gefunden. Das habe sich geändert seitdem in Köln in großem Stil die romanischen Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Die Aufstellung der Vase als Ansatz zur Rekonstruktion des Moritzparks passe zu der aktuellen Sichtweise in der Denkmalpflege. Die Rekonstruktion des vor über 75 Jahren zerstörten Parks solle an dessen Ursprünge im 17. Jahrhundert erinnern, aber gleichzeitig den heutigen Bedürfnissen angepasst sein.

Das Schlusswort von Rainer Hoymann als Vorstand des Klevischen Vereins ist an anderer Stelle in „Rund um den Schwanenturm 2021“ zu lesen.

Eindrucksvolle Feststimmung mit viel Sonnenschein im Park: Zwitschernde Vogelstimmen, aufgenommen an Kermisdahl und Wetering, begrüßen die ankommenden Gäste. Anna Hendriksen gestaltet den musikalischen Rahmen mit ausdrucksvollem Querflötenspiel. Es sind Kompositionen des Barocks von Bach und M. Marais. Dafür erhält Anna viel Lob und Beifall. Der Wunsch,
ähnliche musikalische Events zukünftig im Moritzpark erleben zu können, macht schnell die Runde… .

Als plötzlich die Glocken der nahen Stiftskirche läuten, greift Probst Mecking beherzt zum Handy und schaltet das Glockengeläut schmunzelnd ab… Hans Bernd de Graaff sorgt für den „guten Ton“ mit seiner Verstärkeranlage im Park.

Über die“ weiße Rose mit Grün“ zur Erinnerung an diesen besonderen Festakt im Park freuen sich einige Gäste. Die Farben Grün und Weiß liebte Johann Moritz besonders.

Förderung und Dank

Das Projekt „Steinpodest mit historischer Gartenvase 2020“ gelang dem Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering durch die großzügige Spende eines Klever Bürgers, die Sparkasse Rhein-Maas, die Karl-und-Maria-Kisters-Stiftung, den Heimatscheck des Landes NRW und Sachleistungen der Stadt Kleve. Der Infotafeltext zum neuen Parkschmuck stammt aus der Feder von Wilhelm Diedenhofen und Bert Thissen in Abstimmung mit Frau Petra Engelen / LVR. Jeanette Brown übersetzte den Text ins Englische. Grafiker Christoph  Frauenlob steht für die informierende Einladungskarte zum Festakt im Park. Stellvertretend für das engagierte Team des Arbeitskreises möchte ich an dieser Stelle Architekt Werner van Ackeren benennen. Wir danken allen Genannten und evtl. auch Nichtgenannten ganz herzlich!

Worauf warten wir? Ein 2003 gestellter Bürgerantrag war der Start für ein bisher 18 Jahre durchgehaltenes Bürgerengagement für den Alten Tiergarten. Dies geschah einzig in der Hoffnung, das landschaftsgestaltende Erbe des Fürsten Johann Moritz in Kleve wiederherzustellen und für die Zukunft zu erhalten.

Mehr als 75 Jahre nach dem Krieg bitten wir die Klever Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Gesellschaft ein Zeitziel zur Weiterentwicklung des Alten Tiergartens zu benennen. Seit 2015 liegt das LVR-Gutachten und das Parkpflegewerk des renommierten Landschaftsarchitekten Achim Röthig vor. Die Euregio Rhein-Waal förderte es zu 50 %.

Chance: Unser neuer Bürgermeister ist zufällig am 13.9.2020 – dem Festakt am offenen Denkmaltag 2020 – von den Bürgern dieser Stadt gewählt worden. Kulturbewusstsein und Naturverbundenheit sind mit seiner Person verbunden. Er setzt auf klar formulierte Ziele mit Terminvorgaben. Daher erhoffen wir zeitnah Klartext zu mehr sichtbarer Klever Gartenlust im „Alten Tiergarten“. Auch unsere niederländischen Nachbarfreunde sind der schönen Gartenkunst und Kleve seit jeher sehr verbunden und warten auf ein Zeichen.

 

Quellennachweis: „Klevische Gartenlust“ von Wilhelm Diedenhofen: Der ehem. Lustgarten zu Kleve, Radierungen Romeyn de Hooghe (um 1685) S. 47 – 55.

Text: Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering, Gerlinde Semrau-Lensing, 02.04.2021

Fotos: Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering, Thomas Velten – weitere Fotos