CLEVE.  Roland van Gisteren hat Neues entdeckt zu Anna von Cleve, jener Frau, die kurz Königin von England war – und die Ehe mit Heinrich VIII. überlebte

Anna von Cleve war die vierte der sechs Gemahlinnen des englischen Königs Heinrich VIII. (Regierungszeit 1509-1547) – eine Niederrheinerin wurde Königin von England – zumindest war das der Plan ausgeklügelter Heiratspolitik. Doch es kam anders – ein gebürtiger Klever, Roland van Gisteren, macht sich daran, die Geschichte Anna von Cleves aufzuarbeiten – und hat so manche Überraschung parat.

Herr van Gisteren, Sie beschäftigen sich gerade sehr intensiv mit einer Dame, die den Niederrheinern wohl bekannt ist: Anna von Cleve, Gemahlin von Heinrich VIII. Die Dame hat die Ehe mit Heinrich überlebt.

Ja, das wohlbehütete Burgfräulein Anna von Cleve hat aus „Staatsräson“ vor genau 480 Jahren auf Nimmerwiedersehen ihre geliebte Heimat verlassen, um zu einem hochgradig lebensriskanten Ehe-Abenteuer mit Englands berüchtigtem ‘Ladykiller’ Heinrich VIII. aufzubrechen. Am St. Katharinentag (25. November 1539) fand auf der Schwanenburg der Residenzstadt Cleve die große Abschiedssause für die zukünftige Königin von England statt. Anna hat nicht nur diese fatale Ehe, sondern weitaus riskantere Folgezeiten überlebt und bravourös gemeistert.

Wie sind Sie auf Anna gestoßen?

Anna lief mir in England quasi zufällig über den Weg! An sich war ich 2015 auf Suche nach genealogischen Spuren mutmaßlich anglo-normannischer Vorfahren namens Norgate meiner mütterlichen Linie.

„Ich bin aus dem Staunen und Kopfschütteln nicht mehr herausgekommen“

Als Pensionär beschäftige ich mich hobbymäßig mit Familien- und Heimatgeschichte. Natürlich war mir als gebürtigem Klever unsere historische Heimatikone Anna von Cleve nicht ganz fremd. Bei genauerem Hinsehen auf ihr Leben bin ich jedoch aus verblüfftem Staunen und ungläubigem Kopfschütteln nicht mehr heraus gekommen.

Warum?

Zwischenzeitlich war ich über unzählige Falschangaben, Fehldeutungen und Legendenbildungen insbesondere im deutschsprachigen Schrifttum gestolpert. Eine endlose Kette Kokolores!

Es beginnt mit Annas definitiv stets falsch datierten und zudem – wie ich meine – zumindest zweifelhaft verorteten Geburtsangaben. Eine verlässliche Primärquelle belegt: geboren am Tag vor St. Peter und Paul, das war am 28. Juni 1515. Getauft am 1. Juli 1515. Nur: Wo beide Ereignisse passierten, das bleibt ein ungelöstes Rätsel.

Und dann wollten Sie mehr über Anna erfahren.

Ja, 2017 bin ich nochmals nach England aufgebrochen. Zunächst habe ich vor Ort die in englischen Archiven 2015 gefundenen Spuren der Norgate in Norfolk ins Visier genommen. Der eigentliche Treffer für mich war der Name Agnes Tylney, eine der einflussreichsten Great Ladies am Tudor-Hof. Ihre Nichte und Hofjungfer Katherine Tylney wurde 1573 Schwiegermutter von Robert Norgate, Doktor der Theologie. Somit landete ich hierüber im Jahre 1540 mitten im Hofstaat von Queen Anne of Cleves.

Anna soll hässlich gewesen sein, dass Heinrich VIII. erschrak, als er sie sah. Er soll sie „Flandrische Mähre“ genannt haben.

Ja, so allerhand soll gesagt worden sein – wie gesagt reichlich Unsinn, der immer wieder unkritisch ab- und fortgeschrieben wird. Heinrich soll in der Tat beim ersten Anblick von Anna am Neujahrstag 1540 entsetzt gewesen sein. Seine einzigen Worte besiegelten Annas Schicksal: „I like her not!“ – ‘Hässlich’ – nein!

Anna von Cleve war nicht so hässlich, wie spätere Chronisten gerne behaupten

Ausländische Diplomaten haben bezeugt, Anna sei zwar unscheinbar, doch ihr Antlitz wirke trotz ein paar Pockennarben anmutig. „Flandrische Mähre“ – ein fake! Weder Heinrich VIII. noch sonst jemand zu jener Zeit hat Anna so bezeichnet. Mehr als 100 Jahre nach Annas Tod kreierte diesen Schmähbegriff Gibert Burnet, Bischof von Salisbury. Man verkennt, Tyrann Heinrich war trotz aller Übeltaten ein umwerfender ‘womanizer’, dem Frauen allen Alters und jeden Standes in den 1520er und 1530er Jahren reihenweise zu Füßen lagen.

Heinrich der VIII. soll sogar ein Gentleman gewesen sein – manchmal

Er galt stets als charmanter „Gentleman“ – auch wenn die eine oder andere seiner Gunst ihren Hals riskierte und im Tower endete. Anna gegenüber war Heinrich „handzahm“!

Ihre Recherchen haben eine Menge Ungewöhnliches hervorgebracht?

Ja, unerwartet viel davon! Nehmen wir nur ‘mal ihr Leben vor Start des Heiratsprojektes – von 1515 bis 1539. In dieser Zeit scheint es Anna von Cleve gar nicht gegeben zu haben! Die auf Anna gefallene Wahl, Königin von England zu werden, katapultierte das mausgraue Burgfräulein raus aus dem Mief der Burg an der Wupper und rein ins pralle Leben! – Im Spätsommer 1539 war Anna 24 Jahre alt und muss sich auf ihrer Reise nach London wie Teenie Alice im Wunderland“ vorgekommen sein.

Anna erlebte auf ihrer Brautreise das reiche Flandern und sah dort das pulsierende Leben. In England erwarteten sie die prächtigsten Paläste Europas jener Zeit – vor allem das Macht- und Vergnügungszentrum schlechthin: Whitehall Palace mit mehr als 2000 Räumen, Turnier- und Tennisplätzen und vielem mehr.

Gibt es etwas, was Sie bei den Recherchen besonders berührt hat?

Ja, ein Glaskunstfenster von 1510 aus einer Kölner Domwerkstatt in der St. Stephen’s Church in Norwich, Norfolk. Es stammt ursprünglich aus dem Kloster Mariawald, das die Jülich-Bergische Herzogfamilie gefördert hat. Darin sind Annas Mutter Maria von Jülich-Berg und Großmutter Sibylle von Brandenburg als lebensgroße Stifterfiguren dargestellt.

Die Glasfenster wurden während der Franzosenzeit hierzulande nach England exportiert und 1842 von einem damaligen Kirchenmitglied namens John Norgate gestiftet – ein Familienmitglied aus meiner mutmaßlich entfernt verwandten Norgate-Familie!

Anna von Cleve durfte England nie wieder verlassen, hat ihre Heimat nie wiedergesehen.

Anna durfte England wieder verlassen! Nach Annullierung ihrer Ehe im Juli 1540 war sie absolut frei! Anna wäre jedoch mit dem Klammerbeutel gepudert gewesen, wenn sie England den Rücken gekehrt hätte.

Dann hätte sie alles verloren und wäre daheim der Willkür ihres Bruders ausgesetzt worden. Nein, Anna war klug genug, die für sie einzig richtige Entscheidung zu treffen. Sie blieb für immer! – Anna erhielt den Titel mit Alleinstellungsmerkmal: „Schwester des Königs“.

Damit wurde sie zur ranghöchsten Dame nach der jeweiligen Königin und ihren Stieftöchtern Mary und Elizabeth zur ‘Royal First Lady“ gekürt. Und der König machte Anna zu einer der wohlhabendsten und unabhängigsten Damen Englands – mit einer üppigen Apanage und Besitztümern mit prächtigen Schlössern, Landhäusern und großen Ländereien – insgesamt etwa 200 Anwesen. Doch darüber und mehr erzähle ich den folgenden Beiträgen…

Das Pseudonym: Roland Norget

Sie werden bald Ihr Buch über Anna van Cleve publizieren – unter Pseudonym. Warum?

Norget sieht aus wie ein Pseudonym. In meiner Geburtsurkunde steht Roland Norget geschrieben. Mit dem Familiennamen van Gisteren bin ich später einbenannt worden. Der Name der anglo-normannischen Vorfahren meiner Mutter, über die ich schreibe, tragen den uralten, altwestnordischen Beinamen Norget – oder altostnordisch Norgate. Mutmaßlich kreuzten sich deren Wege in der einen oder anderen Weise mit Anna von Cleve.

Info

Wer war Anna von Cleve wirk­lich?

Ro­land van Gis­te­ren, geb. 1950 in Kleve, ar­bei­te­te als Bank­kaufmann und pro­mo­vier­ter Be­triebs­wirt in der Bank- und Ver­si­cherungs­wirt­schaft sowie als Pro­fes­sor in der Bank­be­rufs­bil­dung, lebt in Pots­dam und be­treibt hob­by­mä­ßig Fa­mi­li­en- und Hei­mat­for­schung.

In Kürze wird sein Buch „Anna von Cleve“ her­aus­kom­men – in dem er span­nen­de und neue Er­kennt­nis­se über das Leben der „Nie­derrheine­rin“ ver­öf­fent­li­chen wird.

In einer klei­nen Serie wird er uns davon be­rich­ten. Nächs­te Folge: Sams­tag, 23. No­vem­ber.

 

 

Quelle: NRZ, Heike Waldor-Schäfer, 19.11.2019