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Und über allem die Burg

„Clivo-Polis": Kleve im Jahre 1653 ist ein Buch gewidmet, das weite Bögen schlägt. Im Mittelpunkt ein berühmtes Panorama: Mit einer Beschreibung der Stadt, die lange verschollen war. Sie stammt von einem Weseler Pfarrer.

VON GABRIELE KRAFFT

KLEVE Ganz links, ganz draußen - das Haus für die Leprakranken. Gleich neben der Gerichtslinde. Das muss einem erläutert werden, denn die Jahrhunderte alte Linde mit ihrem Gerüst aus Holz und Stein, mit begehbaren Etagen hat auf den ersten Blick kaum noch Ähnlichkeit mit einem Baum. Ganz rechts, ganz außen die Minoritenkirche, von Brück- und Krantor geradezu eingerahmt. Dazwischen hohe Türme und stattliche Giebelhäuser, Felder und Wasser, Stege, Menschen in Arbeit und Brot: fischend, Pferde tränkend, unterwegs. Und über allem die Burg.

Ältestes Dokument

Vier Blätter, eine Gesamtbreite von mehr als zwei Metern: das älteste bekannte Dokument der Klever Stadtgeschichte. Der Zeichner und Maler Hendrick Feltman aus Kleve hat sie geliefert, diese detailreiche Vorlage. Sie galt im 17. Jahrhundertwahrscheinlich als offizielle Stadtansicht und zeigt mehr als von einem Standpunkt aus zu sehen gewesen wäre.

Der Druck des Panoramas stammt von Jacob van Biesen aus Arnheim. Das einzig bekannte Original des Stichs ist leider verschwunden, zum Glück existieren Kopien. Was ebenfalls fehlte, war eine dazu gedachte Beschreibung der Stadt Kleve von Hermann Ewich. Die ist inzwischen, Stück für Stück, wieder aufgetaucht und liegt seit 2004 komplett vor. Dazu trug unter anderem ein Band bei, der Wesels Stadtarchivar Dr. Martin Roelen in Köln in die Hände fiel.

Die Übersetzung des lateinischen Textes für „Clivo-Polis" übernahm Heimatforscher Wilhelm Diedenhofen, einer der Herausgeber. Er bringt im Buch auch den Verfasser näher.

Ein Kapitel für sich: Ewich, 1601 in Wesel geboren, war zeitweise Pfarrer und Forscher in Xanten, was seinem besonderen Interesse an römischer Antike und lateinischen Inschriften sehr entgegen kam. Hier verfasste er unter anderem ein Lobgedicht auf die sieben Prinzipalstädte des Herzogtums Kleve, bestehend aus 288 Versen, von denen allein 120 seiner Heimat Wesel galten. Von 1637 bis 1670 war Hermann Ewich in Wesel als einer von vier Pfarrern der reformierten Gemeinde tätig. Er pflegte enge Beziehungen mit gelehrten Zeitgenossen und zum Kurprinzen Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der sich ebenfalls für die Antike begeisterte.

„Verdächtige Häuser"

In seiner bekannten, 1668 im Druck heraus gekommenen „Vesalia" findet auch besagtes Lobgedicht Aufnahme. Die Schrift mit historischer Darstellung samt Huldigung und Segenswunsch sollte, so heißt es, wohl vor allem dem Rat der Stadt Wesel imponieren. Pfarrer Ewich, 1967 ins Gerede gekommen, „er besuche verdächtige Häuser", erhoffte sich auf diesem Wege Schutz vor boshaften Rechtsverdrehern.

Ein Detail nur von vielen in einem historisch interessanten und lesenswerten Werk, zu dem auch Kleves Stadtarchivar und Mitherausgeber Bert Thissen sowie Gerard Lemmens, früher Direktor des Stadtmuseums Nimwegen, Beiträge lieferten. So lernt der Leser nicht nur Pfarrer Ewich, sondern auch den Maler und Zeichner Hendrick Feltman sowie Jacob van Biesen, geldrischer Hofdrucker in Arnheim und kurfürstlicher Drucker im Herzogtum Kleve näher kennen.

Sahnehäubchen auf den Texten ist neben weiteren Illustrationen eine kleinere Darstellung der Stadtansicht zum Herausnehmen. Im Band selber kann man sich die einzelnen Blätter von Thissen erklären lassen. Eine spannende Reise, bei der es viel zu entdecken gibt.

Info „Clivo-Polis". Die Stadt Kleve im Jahre 1653, gezeichnet von Hendrick Feltman, beschrieben von Hermann Ewich, gedruckt von Jacob van Biesen". Gedruckt bei B.o.s.s., Kleve, Preis 21,50 Euro. Im Buchhandel in Kleve und Wesel erhältlich (ISBN 3-922412-16-5).