Rund um den Schwanenturm No. 7 (1985), Kleve S. 11ff.

Ansprache zur Verleihung der Johanna-Sebus-Medaille an Major Ronald Edmond Balfour

von Drs. Guido de Werd

Guido de Werd

Foto: Klaus D. Stade

Die Verleihung der Johanna-Sebus-Medaille an Major Ronald Edmond Balfour gibt Anlaß zur Erinnerung an seinen Heldenmut und Tod, seine Tätigkeit und seinen Einsatz, darüber hinaus aber auch an die Funktion, die er ausübte und bei der er ums Leben kam. Die Funktion eines Beauftragten für den Kunstschutz steht in krassem Widerspruch zum Wesen und zu den Zielen jeglicher Kriegsführung. Der Kunstschutz in Kriegszeiten gerät unausweichbar in einen Konflikt mit den militärischen Zielen des Krieges. Er befindet sich in einem ähnlichen Gegensatz zu seinem Wesen, wie etwa das Rote Kreuz: beide sollen versuchen, die von den militärischen Aktionen verursachten Schäden einzudämmen, sobald der militärische Einsatz nicht mehr im Vordergrund steht. Im Gegensatz zu den Zerstörungen des Krieges, die so alt sind wie die Menschheit selbst, ist die Einrichtung eines Dienstes für den Kunstschutz in Kriegszeiten verhältnismäßig neu. Perser und Griechen, Römer und Germanen, sie alle hatten in ihren Kriegen Verluste an wertvollen Kulturgütern zu beklagen. Das Vernichtungspotential wuchs im gleichen Maße wie die technische Zivilisation mit dem bestürzenden Ergebnis, daß wir heute zu einer totalen Zerstörung allen Lebens und aller Kultur fähig sind. In der europäischen Geschichte vor 1800 haben vor allem zwei, aus der Volkswut entbrannte Gewalthandlungen immense Schäden an Kulturgütern verursacht: Die Reformationswirren in den Niederlanden in den Jahren 1566 -1568, bei denen ein Großteil der beweglichen Kunstgüter des Mittelalters zerstört wurde, und die Französische Revolution nach 1789, in der Kunstwerke sowohl als Zeugen einer kirchlich geprägten Gesellschaft als auch als Zeugen der Monarchie und des Adels vernichtet wurden. Zu beiden Ausbrüchen des Unmuts und der Gewalt haben langwährende Mißstände und Unterdrückung geführt. Ein Volk, daß seine eigenen Kulturgüter in Revolutionen und Bürgerkriegen zerstört, ist für diese Tat selbst verantwortlich und sich dieser Tatsache bewußt. Entschieden heftiger werden die Gemüter eines Volkes bewegt, wenn Zerstörungen seiner wertvollsten Kulturgüter in einem Krieg vom Feind verursacht werden, so wie wir es in den Kriegen unseres Jahrhunderts erleben mußten. Ein klassisches Beispiel bildet die Kathedrale von Reims, die in den ersten Wochen des Ersten Weltkrieges am 19. September 1914, als der Begriff des Kunstschutzes noch nicht existierte und die militärische Führung auf die Schonung wichtiger Kulturgüter kaum Rücksicht nahm, unter Beschuß geriet. Als Folge stürzten die Gewölbe der Kathedrale ein, und zahlreiche Statuen der Portale am Nordturm wurden durch einen ausbrechenden Brand beschädigt.

Die Betroffenheit des französischen Volkes war enorm: ihre Königskathedrale, eine der größten Leistungen der abendländischen Bau- und Bildhauerkunst, in der seit dem Mittelalter die französischen Könige gekrönt worden waren, in der die Jungfrau von Orleans, Jeanne d'Arc, nach dem Sieg über die Engländer 1429 Karl VII. zur Krönung geführt hatte, drohte unterzugehen. Obwohl das französische Volk zweimal die Monarchie abgeschafft hatte, besaß die Kathedrale von Reims die Bedeutung eines Nationaldenkmals, und ihr Untergang symbolisierte für die Franzosen den vom Feind verursachten Verlust ihrer historischen Identität. Nicht nur das gesamte französische Volk reagierte zornentbrannt, auch die nicht am Krieg beteiligte zivilisierte Welt verurteilte empört die Zerstörungen. Hier und heute soll uns die Schuldfrage hieran nicht beschäftigen - das haben nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Historiker beider Länder mit großem nationalistischem Eifer betrieben. Schließlich führte dieser Nationalismus erneut zu einer Katastrophe nie gekannten Ausmaßes. Um einen Eindruck von der damaligen Stimmung zu geben, möchte ich einen berühmten französischen Autor zitieren. Im Oktober 1914 verfaßte Emile Male, der bedeutendste französische Forscher mittelalterlicher Kunst, einen Artikel über die brennende Kathedrale, in dem er schrieb: „Als Frankreich erfuhr, daß die Kathedrale von Reims in Flammen stand, wurden alle Herzen von Schmerz zusammengepreßt; diejenigen die einen Sohn beweinten, fanden noch Tränen für die heilige Kirche." Nach diesen Zerstörungen in Reims sah man sich veranlaßt, die Frage des Kunstschutzes auf feindlichem Boden, die im Gegensatz zu vielen Fragen der inneren Verwaltungsstruktur in feindlichen Gebieten bei Kriegsbeginn auf beiden Seiten außer Acht gelassen worden war, zu durchdenken und eine Art von Kunstschutzdienst und Denkmalsschutz auf Kriegsschauplätzen einzurichten. Damals entstand der Begriff „Kunstschutz in Kriegszeiten". Die Organisation auf deutscher Seite hatte der rheinische Provinzialkonservator Geheimrat Professor Dr. Paul Clemen, der schon 1892 in Kleve die erste systematische Denkmälererfassung durchgeführt hatte. Clemen organisierte im Frühling 1915 eine Tagung in Brüssel, an der führende deutsche und österreichische Kulturhistoriker teilnahmen. Durch die dort gefaßten Beschlüsse konnten viele Kunstdenkmäler gerettet werden, doch ließen sich, wie Clemen nach dem Kriege beklagte, kulturhistorische Aspekte und militärische Ziele nicht immer in Einklang bringen, besonders nicht gegen Ende des Krieges, als die Überlebensfrage entscheidend wurde. Dabei vergaßen die Militärs, daß die nationalen Denkmäler eines Volkes mehr als Kunstwerke sind - sie sind vielmehr Symbole oder sogar Idole und haben oft unbeabsichtigt Kultwert erhalten.

Lassen Sie uns nun, uns unserer Stadt Kleve zuwenden, die im Zweiten Weltkrieg so schwer getroffen wurde. Wieviele Gefühlsbeschreibungen gibt es von Menschen, die nach 1945 mit der Bahn nach Kleve zurückkehrten und nach der letzten Haltestelle Bedburg, am Papenberg vorüberfahrend, ihre Vaterstadt wiedersahen, in Trümmern und ohne das Wahrzeichen, das Symbol für Zugehörigkeit und Geborgenheit, den Schwanenturm! Es war das Schicksal des Niederrheins, als erstes deutsches Gebiet von den Alliierten erobert zu werden, nachdem sich der Krieg fünf Jahre lang auf fremdem Boden abgespielt hatte. Was durch die dem Aufmarsch vorangegangenen Luftangriffe auf die klevischen Städte Goch, Emmerich, Kleve, Xanten, Kalkar, Rees und Wesel nicht zerstört war, wurde im Winter 1945 beschossen und anschließend erobert, mutwillig zerstört und verschleppt.

Mehr als 750000 alliierte Soldaten zogen durch das Land, im Begriff die Diktatur des Nationalsozialismus zu besiegen. Zu diesem Zeitpunkt setzt auch das für uns heute noch nachvollziehbare Wirken des Majors Ronald Edmond Balfour am Niederrhein ein. Der 1904 geborene, aus einer englischen Soldatenfamilie stammende Ronald Edmond Balfour hatte bereits früh sein Interesse und seine Begabung für Geschichte und Theologie gezeigt. Nach einem Studium am berühmten Eton College promovierte er in Cambridge mit Auszeichnung mit einer Dissertation über neuere französische Theologie. Nach einer Tätigkeit als Universitätsdozent an der Universität Cambridge wurde er bei Kriegsausbruch 1939 eingezogen. Während des Krieges wirkte er zunächst in Winchester und York bei der Musterung von Rekruten. Dann aber bot sich die Gelegenheit in die Denkmalsabteilung, the Monuments Section, des Ersten Kanadischen Heeres überzuwechseln, eine Abteilung, die von Leutnant-Kolonel Geoffrey Webb, einem Studienfreund, mit dem Balfour in einem Hause in Cambridge gewohnt hatte, geleitet wurde. Balfour folgte dem kanadischen Heer durch Frankreich und Belgien. Nördlich von Antwerpen, in Hoogstraten, konnte er sich im Oktober 1944 zum ersten Male für die Erhaltung eines Kunstwerkes einsetzen: er überzeugte die Kanadier davon, den architektonisch bedeutenden Turm der spätmittelalterlichen Sankt-Katharinenkirche von Hoogstraten nicht unter Beschuß zu nehmen, obwohl dieser - entgegen den Vereinbarungen des Kriegsrechtes - als Beobachtungsturm strategisch genutzt wurde. Der Turm wurde schließlich doch von deutschen Soldaten gesprengt, als diese sich nach Osten zurückziehen mußten. Ganz anders verlief der Einsatz Balfours auf deutschem Boden im Februar und März 1945. Die deutsche Grenze war von den alliierten Truppen überschritten worden, die sich auf den Rheinübergang vorbereiteten. Über Balfours Tätigkeit sind leider nur spärliche Berichte erhalten. In einem Schreiben vom 3. März 1945, eine Woche vor seinem Tode, berichtete er seinem früheren Studienfreund und späteren Vorgesetzten Geoffrey Webb über seine Tätigkeit. Eindrucksvoll sind die Worte, die Balfour für seine Erlebnisse fand: „Man empfindet die Tragödie der Zerstörung, von der vieles unnötig wäre, aber andererseits auch den Ausgleich selbst etwas Konkretes zu ihrer Rettung beigetragen zu haben." Er meldete auch, daß er nicht mehr als eine Meile von der Front entfernt sei; ein Granateinschlag in einem Gebäude, in dem er sich selbst aufhielt, bezeichnete er als eine „unangenehme Erfahrung". In den ersten von den Alliierten eroberten deutschen Gebieten plünderten die Soldaten rücksichtslos. Balfour schrieb: „Der Zustand des Plünderns ist schrecklich, es wird nicht nur jedes Haus aufgebrochen und durchstöbert sondern auch jedes Safe und jeder Geldschrank - Alles, was ich tun kann ist sofort an die Arbeit zu gehen und, wenn möglich, das Material eigenhändig wegzuschaffen oder wenigstens Warnschilder aufzustellen (wir taten letzteres in Kalkar und ich weiß nicht, ob sie überhaupt wirksam waren)." Aus diesen Zeilen werden die Charakterzüge eines engagierten Mannes deutlich, der es als seine Aufgabe betrachtete, die Zivilbevölkerung nicht unnötig zu verletzen. Balfour hat in diesen Wochen viel zusammengetragen und in das Kapuzinerkloster Spyck bei Kleve überführen lassen. Besonders erwähnenswert ist die kostbare Sammlung von Archivalien, zu denen die unersetzlichen Grundbuchurkunden des Amtsgerichtes Goch gehörten. Auf dem Marktplatz in Goch entdeckte Balfour einen liegengebliebenen LKW mit Dokumenten des Klever Stiftsarchivs. Auch in Kranenburg sammelte er zahlreiche zerstreute Archivalien. Über Schloß Moyland berichtet er, daß viele Akten in den Weiden rund um das Schloß zerstreut waren. In Kalkar ließ er an der Kirche und im Archiv Plakate anschlagen mit dem dringenden Aufruf, diese Bereiche zu schonen. In der Klever Stiftskirche sammelte er Reste der beiden spätmittelalterlichen Altäre und ließ sie in das Kapuzinerkloster überführen. Wir besitzen noch einen Notizzettel, auf dem Balfour die Bilder aufzählte, die er in der Stadtsparkasse an der Hagschen Straße vorgefunden hatte. Unter ihnen befand sich das berühmte Herzogenbild, sowie drei Gemälde mit Ansichten von Kleve aus dem späten achtzehnten Jahrhundert, die heute verschollen sind. Den größten Verdienst erwarb Major Balfour sich wohl, als er in Goch das aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Steintor vor der Zerstörung bewahrte. Das Tor hatte den Luftangriff des 7. Februar 1945 verhältnismäßig unbeschadet überstanden. Beim Aufmarsch der Alliierten nach der Einnahme Gochs am 20. Februar 1945 versperrte der enge Torbogen den schweren Panzern die Durchfahrt. Der kanadische Kommandant hatte schon den Befehl gegeben, das Gebäude, auf dem eine Aufschrift daran erinnerte, daß es in den vorangegangenen Jahren Versammlungsort der Hitlerjugend gewesen war, mit Panzergewalt umzuwälzen. Unter äußerstem Einsatz gelang es Balfour, den Kommandanten von der Bedeutung des Steintores zu überzeugen. Die Lösung bot dann die Zerstörung der angrenzenden architektonisch weniger bedeutenden Gebäude.

Überreichung der Johanna-Sebus-Medaille an Mr. Nicholas Balfour durch Bürgermeister Gert Brock

Foto: Kurt Michelis

Am 10. März wurde Ronald Edmond Balfour, als er von der Kommandantur in Kellen mit einigen Zivilisten zur Christus-König-Kirche marschierte, um dort Kirchenschätze zu sichern, in der Nähe des Bahnhofs von deutschen Granatsplittern tödlich getroffen. Sein Grab liegt auf dem britischen Ehrenfriedhof im Reichswald. Ronald Balfours Tod im bereits eroberten Kleve symbolisiert die Unsinnigkeit des Krieges. Aus seinen Notizen und Briefen tritt uns Balfour als ein Mann entgegen, dem es nicht nur mit der Rettung von kulturellem Gut Ernst war, sondern der auch wußte, daß er auf diese Weise eine Vorarbeit für den geistigen und moralischen Wiederaufbau eines neuen, demokratischen Deutschland leistete. Er war sich der Tatsache bewußt, daß die Besiegten, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges Verwandte und Freunde verloren hatten, die unverwechselbare Identität ihrer Heimat brauchten, um neues Selbstvertrauen zu gewinnen. In dem aus dieser Einsicht hervorgehenden Einsatz liegt die Bedeutung der Persönlichkeit Ronald Edmond Balfours. Er hatte aus der weltweiten Verurteilung der Zerstörung der Reimser Kathedrale im Ersten Weltkrieg gelernt, eine Verurteilung, die letzten Endes auch zu einer Schonung des Kölner Doms im Zweiten Weltkrieg führte. Dank seines hohen geistigen Niveaus war er fähig, über den Alltag des Krieges hinweg die Interessen aller Nationen an der Erhaltung ihres kulturellen Gutes zu sehen. Wir müssen uns heute darüber klar werden, daß alle Übereinkünfte zum Schutze von Kulturgut ebenso wie menschliches Engagement und der Idealismus Einzelner nichts nützen werden, wenn die heute von Menschenhand entwickelte Vernichtungskraft in einem neuen Krieg entfesselt wird. Dann werden Menschheit und Umwelt endgültig der Vernichtung preisgegeben sein.

Die Haltung und der Einsatz des Majors Ronald Edmond Balfour werden heute durch die posthume Verleihung der Johanna-Sebus-Medaille gewürdigt. Wenn wir aus der Geschichte lernen und bedenken, daß die Rettungsaktionen von damals in einem neuen Kriege nicht mehr möglich sein werden, dann war sein Tod nicht so sinnlos, wie er uns heute erscheint: Das Vermächtnis, das Major Balfour uns hinterlassen hat, besteht darin, seine Haltung und Gedanken künftigen Generationen zu vermitteln. Dafür sind wir ihm gemeinsam verantwortlich.

Städtische Singgemeinde Kleve

Bemerkenswert war auch die musikalische Gestaltung des Festaktes. Weit ab von der oft geübten Praxis einer nur dekorativen Umrahmung hatte Musik hier wesentlichen Anteil an der Prägung des Abends. Herbert Krey hatte Haydns „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" und das „Schicksalslied" Hölderlins in der Vertonung von Brahms gewissermaßen als übergeordnete Leitgedanken an den Anfang gestellt, Karl Friedrich Zelters „Johanna Sebus" vor die Überreichung der Medaille gesetzt und für den Abschluß die Nationalhymnen aus Großbritannien, Kanada und der Bundesrepublik ausgewählt. Es verdient besondere Hervorhebung, daß alle Werke auf anspruchsvollem Niveau von Kräften aus dem Klever Raum musiziert werden konnten. Das gilt zunächst für die Städtische Singgemeinde unter der Leitung von Herbert Krey, mit der die Stadt Kleve über ein Ensemble von hoher Qualität verfügt, die sich nicht zuletzt in der Tatsache zeigte, daß auch die Solopartien in Haydns Werk neben Ursula Nellen mit Helmut Kepser und Jupp Verhoeven höchst angemessen aus Reihen des Chores besetzt werden konnten. Als Bariton in Zelters Kantate stand der aus Kellen gebürtige, heute in Mainz wirkende Karl Schreiber mit prachtvoller Stimme und plastischer Gestaltung zur Verfügung. Aufhorchen ließ auch die junge Susanne Pirsch aus Emmerich, die sich mit großer Begabung in den Dienst der Sache stellte. Schließlich muß Stefan Rütter erwähnt werden, der in allen Werken den zum Teil recht schwierigen Klavierpart zuverlässig betreute. So wurde auch in musikalischer Hinsicht der Festakt zu einer Sache niederrheinischer Bürger. Die drei Nationalhymnen, die den Abend beschlossen, hatte Krey von der Aussage her sinnvoll und musikalisch schlüssig zu einem dreiteiligen Komplex verbunden, in dem die deutsche Hymne mit feinem Gespür betont unpathetisch, ganz im Sinne der Haydnschen Urfassung, musiziert wurde

Mr. Nicholas Balfour während der Dankrede

Foto: Kurt Michelis

Mr. Nicholas Balfour schreibt Herrn Scholten, daß die Johanna - Sebus - Medaille im Ronald - Balfour - Leseraum des Kings College Universität Cambridge einen Ehrenplatz gefunden hat und fügt eine britische Pressenotiz über die Verleihungszeremonie bei.