Rund um den Schwanenturm No. 7 (1985), Kleve S. 8ff.

Ansprachen zur Verleihung der Johanna-Sebus-Medaille an Major Ronald Edmond Balfour

Begrüßung durch Heinz Scholten, Vorsitzender des Klevischen Heimat- und Verkehrsvereins

Heinz Scholten

Foto: Erkens

Sehr geehrte Damen und Herren!

Namens des Klevischen Heimat- und Verkehrsvereins und im Auftrage der Heimatvereine Rindern „Arenacum" und „Zur Spoy" Brienen-Wardhausen begrüße ich Sie hier recht herzlich.

Es ist uns eine große Freude und Ehre unter uns zu begrüßen den Bruder des am 10. März 1945 hier in Kleve gefallenen britischen Kunstschutzoffiziers Ronald Edmond Balfour, Mr. Nicholas Balfour mit seiner Gattin.

Mr. Balfour wird nachher stellvertretend für seinen Bruder aus der Hand von Herrn Bürgermeister Gert Brock die Johanna-Sebus-Medaille in Empfang nehmen. Die von dem Bildhauer Dieter von Levetzow entworfene Medaille war im vergangenen Jahr anläßlich des 175. Todestages der Johanna Sebus von den drei Heimatvereinen gestiftet und erstmals der ehemaligen Schweizer Spende verliehen worden. Mr. Balfour, wir bitten Sie, unsere herzlichsten Grüße an Ihren älteren Bruder Kenneth, der leider nicht mit nach Kleve kommen konnte, mit nach England hinüber zu nehmen.

Als offiziellen Vertreter Kanadas begrüßen wir ganz herzlich den kanadischen Generalkonsul Mr. Elliott, als offizielle Vertreterin Englands die königlich-britische Konsulin Mrs. Harrison. Durch die Verleihung der Johanna-Sebus-Medaille sollen auch die Völker Großbritanniens und Kanadas geehrt werden, die die Institution „Kunstschutztruppe" eingerichtet und getragen haben.

Als offiziellen Vertreter der Universität Cambridge begrüßen wir Mr. R. E. Macpherson mit seiner Gattin. Ronald Balfour hatte als junger Gelehrter eine glanzvolle Karriere an dieser Universität vor sich.

Als Vertreter der RAF Laarbruch begrüßen wir ganz herzlich Sqadron Leader Sneddon.

Als Gast aus Kanada begrüßen wir den General a. D. W. Denis Whitaker, der im Jahr 1945 die Kämpfe am Niederrhein, insbesondere im Reichswald und in Kleve mitmachte. Er führte damals als Lieutnant Colonel ein Bataillon der 2. Infanteriedivision in der 1. Kanadischen Armee, in deren Diensten Mr. Balfour als Kunstschutzoffizier stand. Unser herzlicher Willkommensgruß gilt den Delegationen aus den Nachbarstädten und -gemeinden mit den Bürgermeistern an der Spitze - aus Bedburg-Hau, Goch, Kalkar und Kranenburg, wo Ronald E. Balfour segensreich wirkte.

Besonders freuen wir uns über die vielen hundert Bürger, die heute abend zu uns in die Stadthalle gekommen sind.

Mein herzlicher Dank für die tatkräftige Mithilfe an der Vorbereitung des heutigen Abends gilt den Vorständen unserer Heimatvereine und an dieser Stelle auch der Verwaltung der Stadt Kleve, insbesondere dem Hauptamt. Ganz besonders danken möchte ich Herrn de Werd dafür, daß er sich bereitwilligst zur Verfügung gestellt hat, um die Laudatio auf Ronald E. Balfour zu halten. Mein Dank gilt auch der Städtischen Singgemeinde unter der Leitung von Herrn Herbert Krey.

Danken möchte ich auch Herrn Paul Gerhard Küsters, der unsere englischen Gäste hervorragend betreut.

Wir sind hier heute abend zusammengekommen, um des britischen Majors Ronald Edmond Balfour zu gedenken und seine Verdienste um unsere Heimat durch die Verleihung der Johanna-Sebus-Medaille zu würdigen.

„Er tat alles in seinen Kräften Stehende, um die Stätten von historischem und kulturellem Wert vor Schaden zu bewahren", so schrieb die „Times" in einem Nachruf auf den am 10. März 1945 in Kleve gefallenen Major Balfour.

Darüber hinaus charakterisieren ihn seine uns erhalten gebliebenen Aufzeichnungen und Briefe als einen Mann, der in seiner Tätigkeit weit mehr als reine Pflichterfüllung sah. Für den feinsinnigen Gelehrten der Universität Cambridge war es selbstverständlich, durch außerordentliche Anstrengungen ein gemeinsames kulturelles Erbe zu erhalten und in eine bessere Zukunft hinüberzuretten.

„Es war eine großartige Woche für meine Tätigkeit, sicherlich die beste, seitdem ich herüber kam. Auf der einen Seite die Tragödie wirklicher Zerstörung, viel davon völlig unnötig, auf der anderen Seite das ausgleichende Gefühl, etwas Konkretes selbst getan zu haben."

So steht es in einem am 3. März 1945 - wenige Tage vor seinem Tod - an seinen Freund Geoffrey Webb gerichteten Brief.

Nichts kann den jungen Gelehrten besser charakterisieren als diese Sätze. Sie zeigen die freudige Genugtuung, in einer Umwelt, in der so viel Sinnloses geschah, aus eigener Kraft etwas Positives geleistet zu haben. Sie zeigen aber auch deutlich den Zwiespalt seiner Gefühle, daß er dort retten und eingreifen mußte, wo andere unmittelbar zuvor ein unnötiges Werk der Zerstörung vollbracht hatten.

Was mag in diesem Mann vorgegangen sein, als er zum ersten Mal das geschundene Antlitz der Heimat Annas von Cleve sah?

Als er vergeblich das ihm aus seinen Büchern vertraute Bild der Schwanenburg, auf der jene über 400 Jahre zuvor geboren wurde, suchte. Als sein Blick hinaus ging auf die überschwemmte Niederung, wo irgendwo inmitten der Wassermassen das Denkmal der Johanna Sebus stand, über das hinweg die Artilleriegeschosse heulten, von denen eins am 10. März seinem Leben ein jähes Ende setzen sollte.

Wenn wir seinen Einsatz für die Kulturgüter unserer niederrheinischen Heimat richtig werten wollen, so dürfen wir auch das geistige Umfeld nicht vergessen, in dem Balfour damals lebte und wirkte.

Unser verehrter Bundespräsident sagte in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges: „Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewußt zu machen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte."

In diesem Zusammenhang sei an das Schicksal der englischen Stadt Coventry erinnert, die nicht nur zerstört, sondern deren Name anschließend auch noch schändlich mißbraucht wurde.

Über zehn Jahre nach dem Ende des Krieges schrieb die englische Soldatenzeitschrift „Soldier" im Rahmen einer Würdigung Balfours: „Manchen Soldaten mag es 1945, als Deutschland niedergekämpft wurde, als unlogisch und sogar absurd erschienen sein, daß britische Offiziere damit beauftragt waren, des Feindes Schätze für diesen selbst zu bergen... Das Kloster von Monte Cassino war pulverisiert worden. Warum da noch Anstrengungen für Statuen und Altäre im Deutschland Hitlers? Warum da noch Zeit vergeuden, um die Überbleibsel zerstörter Bibliotheken zu sortieren? Es war leicht", so schließt „Soldier", „damals so zu empfinden. Aber jetzt ist es klar, daß diese Anstrengungen gute Zinsen des Verstehens und der Achtung voreinander getragen haben."

Sehr geehrte Freunde aus England und Kanada, sehr geehrte Vertreter der Regierungen Englands und Kanadas, wir sind Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet.

Erstmals in der Geschichte unserer Stadt wehen heute hochoben auf dem Schwanenturm die englische und die kanadische Flagge. Erstmals auch, seitdem in jener furchtbaren Stunde des 7. Oktober 1944 Burg und Stadt durch einen britischen Luftangriff zerstört wurden.

Dies ist ein Symbol für die seitdem zwischen unseren Völkern gewachsene Freundschaft und ein überaus herzlicher Willkommensgruß. Sehen Sie es, verehrte Gäste aber bitte auch als Zeichen der Dankbarkeit und des Respektes davor an, daß Sie vor 40 Jahren nicht die Fahnen des Siegers über dem geschundenen Kleve hißten, sondern den Keim der Hoffnung auf eine bessere und gemeinsame Zukunft legten, indem Sie Ronald Balfour zu uns in das Land am Niederrhein schickten.

Sein Leben und sein Wirken bis zu seinem sinnlosen Tod bleiben uns unvergessen.

Wir wollen sein Andenken in Ehren halten.