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Presseartikel

 

Dr. Georg Cornelissen. 

Foto: Ostermann

Niederrheinische Blätter, Ausgabe 2/2006 

Rheinisch: Dr. Georg Cornelissen erforscht Regiolekte

Dem Volk aufs Maul geschaut

Sabine Königs

Der Niederrheiner, das wusste schon Hanns Dieter Hüsch, hat von nichts Ahnung, kann aber zu allem was sagen. Diese, nennen wir sie mal regionale Sonderform der klassischen Beredsamkeit kommt Dr. Georg Comelissen sehr gelegen. Denn der schaut, salopp gesagt, dem Volk aufs Maul. Mit den Ohren. Georg Comelissen ist einer von fünf Regiolektforschem im Rheinland und untersucht beim Amt für Rheinische Landeskunde die Sprache der 9,5 Millionen Menschen in dieser Region.

Wobei zur Vermeidung von Missverständnissen zwei Dinge festzuhalten sind. Erstens: „Dialekt meint im Rheinland das sogenannte Plattdeutsch", sagt Comelissen. Als Regiolekt bezeichnet man die Umgangssprache, die sich ans Hochdeutsche anlehnt, aber plattdeutsche Begriffe verwendet. Beispiel: „Die sin sich am kloppen".

Regel Nr. 2: Niederrheinisch ist nicht gleich Niederrheinisch. „Der heutige Niederrhein von Mönchengladbach bis in den Raum Kleve war im Mittelalter ebenso Teil des niederländischen Sprachraums wie Amsterdam", erklärt Comelissen. „Die Landschaft nördlich von Neuss und Krefeld ist die einzige Region in Deutschland, die von Hause aus niederländisch ist." Im 16. Jahrhundert wuchsen Deutschland und die Niederlande dramatisch auseinander. Mönchengladbach wurde sprachlich gesehen deutsch „und orientiert sich bis heute an Köln", so Comelissen, zu erkennen etwa an der Vorsilbe "je" statt "ge".

Wie sich Sprache unter solchen historischen Vorzeichen entwickelt, erforscht der 51-Jährige per Fragebogen. Gerade hat er 3000 Bögen ausgewertet und weiß nun, wo der Erstklässler „I-Männchen" oder „I-Dötzken" heißt, wo der Weckmann „Stutenkerl" oder Puhmann" genannt wird, und dass der Dachboden in Mönchengladbach „Speicher" heißt, in Zyfflich hingegen „Söller". Die Erforschung der Regiolekte hat erst 1999 begonnen, und schon jetzt weiß man, dass der echte Dialekt am Niederrhein ausstirbt. Was überlebt, entscheidet der Sprecher. „Nur wenige Kilometer entfernt, in den Niederlanden, ist das Platt staatlich geschütztes Kulturgut", sagt Comelissen - und wünscht sich staatliche Förderung auch im Rheinland. Denn „den richtigen Ton trifft man am besten in der Muttersprache". Vor allem, wenn man zu allem was sagen kann.

Mehr zu Regiolekten im Rheinland gibt es unter www.lvr.de oder bei Georg Comelissen, Tel.: 0228 / 9834231.