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"Kermisdahl - Wetering"

Vortrag anlässlich der Eröffnung des römischen Wanderweges am 28. Oktober 2006

 

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Stopp 1 (Enger Hals)

Thema: Die zweiteilige Landschaft   

Wir befinden uns hier in Kleve in etwa 25 km Entfernung von Nimwegen, d.h.: wir haben jetzt ca. 1/3 der Via Romana zwischen Nimwegen und Xanten hinter uns.

An der Stelle, wo wir stehen, sieht man sehr klar wie die Landschaft im Klever Raum von einer Zweiteilung geprägt wird: auf der einen Seite die Höhen mit eiszeitlichen Stauchmoränen, auf der anderen Seite die Ebene der Flussniederung. Man kann diesbezüglich auch von unterschiedlichen Kulturlandschaften reden: Die Höhen sind in historischer Zeit immer relativ dünn besiedelt gewesen und die Siedlungen sind hier relativ jung, die Niederung weist dagegen von alters her eine dichtere Besiedlung auf. Das gilt für das Mittelalter, aber es gilt wahrscheinlich auch bereits für die Römerzeit.

In der Niederung befanden sich zur Römerzeit u.a.:

  1. ein Auxiliarkastell (= Kastell für römische Hilfstruppen) zu Burginatium auf dem Bornschen Feld südlich von Kalkar (ca. 40 n. Chr. – Anfang 5. Jh.);

  2. Besiedlung ab dem 1./2. Jahrhundert n. Chr. und ein spätantikes Kastell (3./4. Jh., mit späterer Benutzung) zu Qualburg = Quadriburgium in der heutigen Gemeinde Bedburg-Hau, einer Nachbargemeinde von Kleve, die wir heute noch besuchen werden;

  3. die römerzeitliche Besiedlung (zumindest in der Zeit vom 1. bis zum 4. Jh.) zu Rindern, einem heutigen Ortsteil von Kleve. Rindern liegt auf dem Uferwall eines alten Rheinarms, des sogenannten Tweestroms, der sein Wasser direkt vom Kermisdahl, den sie hier sehen, erhält. Das Ganze dürfte zur Römerzeit befahrbar gewesen sein. Auf jeden Fall sind bei Kiesarbeiten in Rindern Schiffsreste mit Ankern, Mühlensteinen und Keramik gefunden worden, die wohl aus dem 1. Jh. stammen, und die auf die Anwesenheit eines Hafens zur dortigen Zeit schließen lassen. Ansonsten ist Rindern bereits seit Jahrhunderten ein reicher Fundort für Steinzeug und Keramik aus der Römerzeit gewesen. Darauf deuten mittelalterliche Flurnamen wie steenpad, steenacker und steentgen, sowie auch kalkoven. Letzterer erinnert vermutlich an einen Ofen, wo im Mittelalter römische Steine zu Kalk für den Ackerbau gebrannt wurden. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts lag im Bereich der Pfarrkirche noch so viel Steinmaterial im Boden, dass die Pfarrgemeinde den Plan auffassen konnte, dieses zu verkaufen um mit dem Erlös die Wiederherstellung des Kirchturms zu finanzieren. In späterer Zeit versprach man dem Totengräber einen Schnaps für jeden Fund, den er anmeldete. Bei modernen Ausgrabungen ist im Bereich der Kirche u.a. ein Gebäude mit Flurbeheizung (hypocaustum) gefunden worden. Es wird vermutet, dass sich zu Rindern das römische Auxiliarkastell Arenacum oder Harenatium befand, dass der Geschichtsschreiber Tacitus bei seiner Schilderung des Aufstands der Bataven um das Jahr 70 n. Chr. nennt und das u.a. als römische Straßenstation auf der Peutinger Karte auftaucht, aber der definitive Nachweis hierfür steht noch aus.

Ein ganz anderes Bild weist die Landschaft der Höhen auf. Unklar ist, ob man sich diese für die Römerzeit bereits als stark bewaldeten Fiskalbezirk vorstellen muss, wie im Frühmittelalter, als sich hier der Königsforst, der zur Pfalz Nimwegen gehörte und aus dem der heutige Reichswald hervorgegangen ist, erstreckte. Auf jeden Fall muss man feststellen, dass die römischen Spuren in der Stadt Kleve eher schwach sind. Zwar hat man später geglaubt, die Burg und die Stadt seien römischen Ursprungs. Eine Inschrift aus dem 15. Jh. im Schwanenturm gibt an: men seght da[t] Julius Cesar had de toirn [doin] maken die dair voir stond. Bis in die jüngste Zeit wird gemutmaßt, es habe in Kleve ein römischer Wachturm zur Kontrolle der Niederung gestanden. Auch glaubte man im 16. Jh., bei einer Figur, die auf einem Relief im ‚langen Saal’ der Burg zu sehen war, handle es sich um den römischen Rhetor Eumenius, der in Kleve eine Schule gegründet habe. Tatsächlich reicht die Geschichte der Burg nach den jüngsten archäologischen Untersuchungen nicht weiter zurück als bis in das 11. Jahrhundert. Es gibt in der Stadt Spuren römerzeitlicher Besiedlung: In der Nähe der Kirche sind Reste einiger Gräber gefunden worden und an der Nassauerstraße stieß man vor wenigen Jahren auf eine große Grube, die möglicherweise römisch ist. Sehr eindrucksvoll sind die Spuren aber nicht und nichts deutet bislang auf die Anwesenheit eines Kastells oder auf sonstige militärische Präsenz. Die Bedeutung Kleves für die Römerzeit liegt eben auf einem anderen Gebiet: hier sind bereits sehr frühzeitig römische Funde gesammelt worden.

Verfasser Drs. B. Thissen, Archivar Kleve, 28.10.2006

 

Stopp 2 (Bleiche)

Thema: Römische Sammlungen in Kleve

Beim vorigen Stopp wurde bereits erläutert, dass die Stadt Kleve nach unserem heutigen Kenntnisstand keine bedeutende römische Vergangenheit hat. Bedeutend und interessant sind aber die Sammlungen von römischen Altertümern, die es in der Vergangenheit auf der Burg und in der Stadt Kleve gegeben hat und die es hier teilweise auch heute noch gibt.

Auf dem Schloss zu Kleve wirkte um das Jahr 1600 Johannes Turck als klevischer Registrator. Er ist auch der Verfasser einer Chronik, in der er u.a. von den römischen Gegenständen berichtet, die vor allem im Raum Kalkar-Xanten in großer Zahl gefunden wurden: Münzen, Statuen, Altäre, Lampen, Grabsteine usw. Diese wurden zu seiner Zeit von Liebhabern gesammelt: von Stiftskanonikern, von Bürgern verschiedener klevischer Städte sowie vom Adel. Seinem Bericht ist zu entnehmen, dass auch der Herzog von Kleve eine Antikensammlung besaß, die im Schloss aufbewahrt wurde. Er schreibt: „eine schöne urna“ sowie „andere stucken“ seien „up dat furstliche huys Cleve ... furhanden.“ Diese herzogliche Sammlung muss wohl in der Regierungszeit Herzog Wilhelms des Reichen (1539-1592) angelegt worden sein und als ihr eigentlicher Begründer gilt der Humanist Stephan Winand Pighius, der 1571 zum Erzieher des Erbprinzen Karl Friedrich von Kleve ernannt worden war und der ein ausgezeichneter Kenner des antiken Roms war. Einen Eindruck vom Umfang der Sammlung, wie auch von der Achtlosigkeit, der man ihr im frühen 17. Jahrhundert entgegengebracht hat, vermittelt die Nachricht, dass der brandenburgische Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen ca. 1647/48 im Schloss „unter dem so genannten Quartier-Thurn ein gantzes Gewölbe voll Römischer Urnen ... entdecket“ habe, “dabey auch etliche Steine mit Inscriptionen“.

Zu dieser Zeit, also in der Mitte des 17. Jahrhunderts, als das Klever Land an den Kurfürsten von Brandenburg gekommen war, hat man mit der Sammeltätigkeit einen Neuanfang gemacht. Ein Augenzeuge, der Prediger und Altertumsforscher Hermann Ewich aus Wesel berichtet, wie er im September 1648 „in einem unteren Gemach des fürstlichen Schlosses“ die neue Sammlung des Kurfürsten besucht hat. Als eigentlicher Initiator gilt auch jetzt nicht der Landesherr, sondern in diesem Falle sein Statthalter, der bereits erwähnte Johann Moritz von Nassau-Siegen. Die Sammlung umfasste nicht nur die Reste der alten herzoglichen Sammlung sondern z.B. auch neun Stücke einer Sammlung, die der adelige Sammler Wessel von Loe ab ca. 1600 auf seinem Schloss zu Wissen zusammengetragen hatte. Dieser machte dem Kurfürsten z.B. die Grabstele des Marcus Caelius zum Geschenk, die 1620 auf einem Acker bei Xanten gefunden worden war. Das Grabdenkmal ist von besonderer historischer Bedeutung, weil die Inskription an die berüchtigte Varus-Schlacht (9 n. Chr.) erinnert. Johann Moritz befahl ansonsten den Geistlichen beider Konfessionen, die antiken Spolien, die sich in den klevischen Dörfern finden würden, auf dem Klever Schloss abzuliefern. Er hat andererseits Teile der Sammlung für persönliche Denkmäler genutzt: einmal für seine Fontänenanlage im Klever Amphitheater, der sogenannten Fontana Miranda, und dann in seinen letzten Lebensjahren für sein Grabdenkmal zu Berg-und-Thal, das wir heute noch besichtigen werden. Andere Teile der Sammlung sind nach 1667 nach Berlin gebracht worden. Sie gelten heute fast alle als verschollen.

Im späten 18. Jahrhundert hat ein hoher preußischer Beamter, Julius Ernst von Buggenhagen, der Präsident der hiesigen Kriegs- und Domänenkammer (1777-1793) einen Antiquitätensaal im Schloss eingerichtet. Dieser umfasste alte Bau- und Dekorationselemente der Burg, wie z.B. Teile eines Portals und das Relief des sogenannten Rhetor Eumenius aus der Stauferzeit (12./13. Jh.), daneben Raritäten, wie z.B. mittelalterliche Musikinstrumente und Waffen, aber auch römische Altertümer. Dazu zählten Bestandteile der alten kurfürstlichen Sammlung, die Johann Moritz für sein Grabdenkmal in Berg-und-Thal verwendet hatte und die Buggenhagen jetzt wieder zum Schloss zurückführen ließ, wie auch ein römischer Weihaltar, der im 16. Jahrhundert in Rindern gefunden worden war und den man in den Altar der dortigen Pfarrkirche eingebaut hatte. Diesen Mars Camulus-Stein (68 n.Chr.) ließ Buggenhagen ausbauen und im Zentrum seines Antiquitätensaales aufstellen. Im Jahre 1820 wurde die Sammlung von Buggenhagen als Grundstock für das Museum rheinisch-westfälischer Altertümer nach Bonn gebracht. Einzig der Mars Camulus-Stein blieb zurück, wohl weil er für diesen Transport zu schwer war. Aus Nimwegen erhielt er einige Säulenfragmente. Er hat später lange Zeit im Innenhof der Klever Burg gestanden, bis er 1967 in die Pfarrkirche nach Rindern zurückkehrte.

Von den jüngeren Sammlungen seien an dieser Stelle genannt: die Sammlung im städtischen Alterthumscabinet, die ab 1865 aufgebaut wurde und die bei den Bombenangriffen auf Kleve 1944/45 fast vollkommen vernichtet wurde, sowie die Sammlung, die es seit einigen Jahren im Museum Forum Arenacum zu Rindern zu sehen gibt. Zur Zeit wird dort auch an die Münzsammlung, die der Sammler Gustav v. Velsen im 19. Jahrhundert angelegt hat, erinnert.

Verfasser Drs. B. Thissen, Archivar Kleve, 28.10.2006

Stopp 3 (Berg-und-Thal)

Thema: Das Grabmal von Johann Moritz von Nassau-Siegen – ein „römisches“ Denkmal

Von Johann Moritz von Nassau-Siegen, der in den Jahren 1647-1679 Statthalter des Kurfürsten von Brandenburg in den Ländern Kleve und Mark war, ist bereits die Rede gewesen. Die Niederländer kennen ihn vorwiegend als „Maurits de Braziliaan“, wegen seiner Zeit als Gouverneur von Brasilien (1637-1644), und als Bauherrn des Mauritshuis in Den Haag. Die Klever kennen ihn als Gestalter von aufwendigen Gartenanlagen. Er spielte hier aber auch eine bedeutende Rolle beim Aufbau einer kurfürstlichen Altertumssammlung.

Die Römer spielten im Leben von Johann Moritz eine wichtige Rolle. Er war humanistisch und vor allem auch im Geiste der antiken Stoa erzogen, was sich u.a. auf seine Beziehung zur Natur auswirkte. Er sah sich wohl auch in der Nachfolge der antiken Heroen und der römischen Kaiser. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass er in der Orangerie bei seinem Stadtpalast in Kleve, dem Prinzenhof (erbaut ab 1664), die Büsten der ersten zwölf römischen Kaiser (geschaffen von Bartholomeus Eggers) aufstellen ließ, wie eine Ahnengalerie. Bemerkenswert ist auch ein Schreiben von ihm aus dem Jahre 1678, worin er eine Terra Sigillata-Schüssel mit dem Stempel des gallischen Töpfers Nasso als Beweis für die römische Herkunft des Geschlechtes Nassau bewertet: der Stempel zeige „daß dieser Name lang in der Welt müsse gewesen sein“.

Auch das Grabdenkmal, das Johann Moritz hier in Berg-und-Thal für sich errichten ließ, zeugt von seiner engen Verbundenheit mit den Römern. Es handelt sich um ein Denkmal, das wohl seit 1667 in der Planung gewesen ist, nachdem Johann Moritz sich zunächst zwei andere Stellen in Kleve ausgesucht hatte (beim Palantsturm und 1666 im Tiergarten) und das 1678, ein Jahr bevor Johann Moritz verstarb, vollendet wurde.

Ein Anklang an die Römer stellt zunächst einmal die Aufstellung dieses Denkmals außerhalb der Stadt und vor allem auch außerhalb von Kirche und Friedhof dar: für damalige Begriffe war diese Standortbestimmung unchristlich, heidnisch und eben nur durch Bezugnahme auf das Beispiel der Römer vertretbar.

Römisch ist auch die Grundform des Denkmals, wie wir es aus alten Zeichnungen und anderen historischen Dokumenten kennen und wie es sich auch heute noch darstellt: eine halbrunde Exedra, wie Johann Moritz sie auch in seinem Amphitheater am anderen Ende der Stadt geschaffen hatte, und dazu ein Ensemble von Rustika-Pfeilern, Portalen und Nischen. Das Ganze zerfällt in zwei Teile. Dahinter ist mittig die gusseiserne Tumbe, die Hermann Pithan 1663 in Johann Moritz’ Heimat Siegen gegossen hat, zu sehen; der Deckel steht etwas zur Seite, weil die Tumbe leer ist (Johann Moritz’ Leichnam ist 1680 in Siegen bestattet worden und die Tumba wurde dadurch zum Kenotaph). Die Exedra weist in den beiden Hälften ein Portal aus. Auf beiden Seiten der Portale findet sich jeweils eine Triade von Pfeilern und Nischen. Die insgesamt 12 Flächen zwischen den Pfeilern sind mit Altertümern versehen, wobei jeweils die mittlere Nische der Triade mit einer besonders schönen Stele versehen ist. Hier ist besonders auf die Nischen 2 und 8 hinzuweisen, die die Grabstelen von Marcus Caelius, gefallen in der Varus-Schlacht, und vom Reiter Silvanus und seiner Schwester Prima enthalten. Diese Grabdenkmäler wurden im frühen 17. Jahrhundert von Wessel von Loe zu Wissen erworben, später von diesem dem Kurfürsten von Brandenburg geschenkt, dann von diesem Johann Moritz für seine Fontana miranda und für dieses Denkmal überlassen, gegen Ende des 18. Jahrhundert von Kammerpräsident Buggenhagen nach Kleve in seinen Antiquitätensaal im Schloss geholt und 1820 nach Bonn zum Museum rheinisch-westfälischer Altertümer gebracht. Was Sie jetzt hier sehen sind Abgüsse aus jüngerer Zeit. Ergänzt wurden die Grabdenkmäler von römischen Graburnen und anderen Gegenstände, die ebenfalls in die Mauer eingelassen wurden. Auf der Exedra standen ursprünglich 16 gusseiserne Vasen, dazwischen insgesamt 6 Terrakottareliefplatten mit Porträts, wohl von nassauischen Vorfahren.

Mit dieser Anlage präsentiert sich Johann Moritz nicht nur in der Nachfolge römischer Heroen, sondern verbindet er auch Natur und Kultur, u.a. weil die römischen Altertümer wie Fossilien der lebendigen Vergangenheit wirken sollen.

Der Leichnam von Johann Moritz wurde, wie gesagt, 1680 nach Siegen befördert. Die Anlage war danach dem Verfall ausgesetzt, aber Friedrich der Große ließ sie 1755 restaurieren. Nachdem Buggenhagen die Altertümer 1792 hatte entfernen lassen, erfolgte 1811 eine erneute Restaurierung seitens der französischen Verwaltung. Eine Plakette hinter der Exedra erinnert daran. Eine weitere Restaurierung auf Veranlassung des Clever Heimatbundes erfolgte im Johann-Moritz-Jubiläumsjahr 1929 (250. Todestag). 1979 (300. Todestag) erwarb die Stadt Kleve das Grundstück, das in der Gemeinde Bedburg-Hau liegt, und es erfolgte die Rekonstruktion der historischen Anlage, die Sie heute noch sehen. Seit 2004 (400. Geburtstag) kümmert sich insbesondere der Arbeitskreis Kermisdahl-Wetering sehr um die Pflege der Anlage und ihrer Umgebung.

Verfasser Drs .B. Thissen, Archivar Kleve, 28.10.2006